Jörg Berger, Geschäftsführer der ebu Umformtechnik in Bayreuth

Interviews

ebu Umformtechnik: Interview mit Jörg Berger

Jörg Berger, Geschäftsführer der ebu Umformtechnik in Bayreuth, antwortet im Interview auf Fragen zur Industrie 4.0 und Digitalisierung.

Die Transformation ins digitale Zeitalter ist auch bei mittelständischen Pressenbauern und -betreibern ein Thema. Wie ebu Umformtechnik es damit hält und wie sich das Unternehmen für die Entwicklungsaufgaben aufgestellt hat, erläutert Jörg Berger, Geschäftsführer des Bayreuther Unternehmens, anläßlich der Hausmesse im Juli 2019. Im Gespräch geht es auch um die Entwicklungen zu Industrie 4.0 sowie eine Datenbrille mit Augmented Reality.

In der Pressenentwicklung scheint es keine mechanischen Neuerungen zu geben. Trügt da mein Eindruck?

Jörg Berger: Es ist heute so, dass wir im Digitalisierungsbereich mehr machen müssen als in der Mechanik. Die Entwicklung in der Mechanik sind momentan weniger bedeutend. Wir und eigentlich die ganze Branche sind mechanisch bei den Pressen auf einem hohen Niveau. Das ist geprägt durch die Servotechnik, die in den letzten Jahren mehr und mehr perfektioniert wurde. Energiemanagement, Kühlungssysteme, Pendelbetrieb und was sonst noch dazu kommt: Das ist alles ausgereizt. Jetzt steht das Thema Digitalisierung im Vordergrund, und damit die Frage, wie wir zu vernünftigen Ansätzen in Richtung Industrie 4.0 kommen.
Da sind allerdings die Betreiberfirmen weniger aufgeschlossen und lassen uns nur sehr vorsichtig und eingeschränkt an die Daten heran.

Was machen Sie in diesem Fall?

Jörg Berger: Wir haben jetzt einen Weg gefunden, indem wir einen Partner mit ins Boot genommen haben. Unsere Lösung sieht vor, dass wir unsere Daten in eine Blackbox geben, und der Kunde gibt seine Daten in eine Blackbox. Dort wird alles verarbeitet, ohne dass wir Zugriff haben. Damit besteht mehr Sicherheit für den Betreiber. Wir haben das bereits erfolgreich umgesetzt. Aber es bleibt weiterhin schwierig, denn oft können die Maschinenbauer am Verhandlungstisch nicht nachvollziehen, worum es den IT-Leuten in den Verhandlungen wirklich geht. Wir setzen in diesem Punkt auf mehr Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter. Und wir überlegen, in unsere Konstruktionsabteilungen IT-Leute zu integrieren, die gezielt für die Verarbeitung der Daten auf Netzwerkbasis und die Kunden-Software zuständig sind.

Was bringen die erfassten Daten oder die Datenbrille den Kunden wirklich?

Jörg Berger: Wir unterscheiden zwei Dinge: Erstens der Ansatz mit der klassischen Industrie 4.0 und zweitens die Datenbrille, die wir auf der Hausausstellung vorstellen.
Der Schritt eins, Industrie 4.0, bezieht sich auf Automatisierung. Wenn in einer Presse ein Werkzeug gerüstet ist und eine Losgröße X produzieren soll, dann muss nach Beendigung der Losgröße eine Aktivität eingeleitet werden. Das kann ich automatisieren, wenn die Maschine mit dem ERP-System des Betreibers zusammenarbeitet. Dann kann ich festlegen, welches Werkzeug oder welches Material für den Folgeauftrag bereitgestellt werden muss. Oder es kann festgelegt werden, dass ein Werkzeug nach x-tausend Hüben nachgearbeitet wird. Dann kann die Maschine, wenn das Werkzeug an die Nutzungsgrenze kommt, bereits anfordern, dass ein Ersatzwerkzeug bereitsteht.
Es ist nicht schwierig, diese Abläufe zu steuern, wenn einmal die Logik dahinter komplett hinterlegt ist. Aber dazu muss die Presse mit dem System kommunizieren können. Und da zögern die Betreiber. Dabei hätte es auch für sie Vorteile. Die Betreiber wissen ja in der Regel, wann ein Werkzeug nachgearbeitet werden muss – nur steht in der Praxis, wenn es soweit ist, eben kein Werkzeug bereit. Das alles lässt sich besser und schneller erledigen.
Wir verstehen Industrie 4.0 vor allem als Unterstützung einer effektiven Materiallogistik, einer automatisierten Rüstorganisation und einer Unterstützung bei Kernaufgaben wie dem Schreiben von Lieferscheinen, dem Zusammenstellen von Packgrößen oder dem Schrottabtransport.

Und wie verhält sich dazu die Datenbrille?

Jörg Berger: Digitalisierung und die Datenbrille sehen wir eher als Servicethema. Sowohl unser Personal beim Kunden vor Ort als auch das Kundenpersonal kann diese Datenbrille nutzen. Wir spielen die entsprechende Software auf, und der Anwender sieht durch die Brille genau das, was er sehen soll. Wir führen ihn damit durch seine Aufgabe. So kann er beispielsweise den Schaltschrank öffnen und bekommt den Schaltplan auf die Brille gespiegelt. Wir können auf dem in der Brille angezeigten Bild eine Baugruppe ‚einkringeln‘ und ihn diese inspizieren lassen. Unser Fachmann hier in Bayreuth sieht dem Anwender sozusagen über die Schulter. Wichtig ist, dass beide in Echtzeit kommunizieren und auch die Bilder austauschen. Oder wir können dem Mechaniker ein Wartungsschema auf die Brille spiegeln, das er abarbeiten soll, und wir wissen dann sofort, was fehlerfrei geprüft ist. Das bringt riesen Vorteile, vor allem zeitlich, wenn man ein Problem beim Kunden vor Ort lösen muss. Unser Montagepersonal ist schon damit ausgestattet.

Wie sieht es mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz aus?

Jörg Berger: Es ist mir keine direkte Anwendung im Pressenbereich bekannt. Aber es ist vielleicht auch unsere Aufgabenstellung, als Vorreiter hier mehr zu tun. Eigentlich ist die Arbeitsaufgabe an einer Presse ja einfach. Bei anspruchslosen Teilen wie einem Flaschenöffner ist es schwierig, halbwegs intelligent zu optimieren. Je komplizierter das Teil, desto interessanter wird diese Aufgabenstellung. Da können neue Methoden wie Kameraüberwachung und dergleichen beitragen, Problem frühzeitig zu erkennen. Aber die Frage ist dann, wie sehen die Folgen aus, wenn etwas erkannt wird. Was leitet man daraus ab? Da kann ich mir den Einsatz künstlicher Intelligenz vorstellen.

Wenn Sie solche Entwicklungen anstoßen wollen, wie gehen Sie dann vor?

Jörg Berger: Wir suchen weiterhin für grundlegende Entwicklungen die Zusammenarbeit mit Universitäten. Für unsere eigenen Produktentwicklungen haben wir uns jetzt im Entwicklungsbereich neu organisiert. Wir lösen zukünftig für bestimmte Entwicklungsaufgaben jeweils Mitarbeiter aus der Auftragsabwicklung heraus und bilden für eine definierte Entwicklungsaufgabe jeweils ein Entwicklungsteam. Für dieses Entwicklungsprojekt wird ein Stundenbudget ausgehandelt, das das Team abarbeitet. Nach Ende des Projekts wechseln die Teammitglieder wieder zurück in die Auftragsabwicklung. Dann kommt das nächste Team zum Zug.
Eine Entwicklung innerhalb der Auftragsabwicklung hat nicht funktioniert, und ein reines Entwicklungsteam können wir uns als Mittelständler nicht leisten. Die Mitarbeiter würden dann auch den Kontakt zur Praxis verlieren.

Haben Sie das Konzept schon getestete?

Jörg Berger: Wie haben das Konzept für eine mechanischen Entwicklung erprobt. Zwischen April und Juni hat ein Entwicklungsteam unsere C-Gestellpressen neu für den europäischen Markt optimiert. Deutlich kostenoptimiert, aber technisch mit dergleichen Ausstattung wie vorher, also mit elektronischer Steuerung, mit Sicherheitssteuerung mit hydraulischer Kupplung und mit Automationseinrichtungen sowohl für den Handeinlegebereich als auch für den Automatikbereich. Und das Programm wurde auf den Presskraftbereich von 25 t bis 320 t ausgeweitet. Ich bin mit den Ergebnissen sehr zufrieden.
Wir hatten das Projekt klar definiert, ein Stundenbudget festgelegt, und an einem vorbestimmten Datum wurde präsentiert. Nach der Abschlusspräsentation, geht es jetzt  – nach nur einem Vierteljahr – in die Kalkulation, die Freigabe, die Teilebeschaffung, den Prototypenbau und zum Schluss in die Serie. In den nächsten Projekten werden wir uns dann anspruchsvolleren Aufgaben widmen.

Kann man von ebu in nächster Zeit also einige Neuentwicklungen erwarten?

Jörg Berger: Jetzt wollen wir erst einmal hoffen, dass sich die wirtschaftliche Lage nicht so dramatisch darstellt, wie sie in den Medien beschrieben wird. Unsere Kunden klagen zwar schon und es sind auch einige Projekte nicht zustande gekommen, weil gespart wird. Und dass der Auftragseingang für unseren Retrofit-Bereich steigt, ist meist ein Zeichen, dass die konjunkturelle Lage schlechter wird. Zudem kündigen große Zulieferunternehmen eine härtere Preispolitik mit deutlich späteren Zahlungszielen an. Für uns mittelständische Maschinenbauer wird es dann schwierig, zumal Banken sich bei Vor- und Zwischenfinanzierung zurückhalten. Wir haben bei ebu Umformtechnik noch Glück, dass wir einen starken Gesellschafter haben, der uns schon zwischenfinanziert hat. Aber wir wollen hier eine eigene, zukunftsträchtigere Lösungen finden.

Worauf sollten ein Kunde achten, wenn er jetzt in eine Presse investieren will?

Jörg Berger: Es ist so, dass wir technisch auf hohem Niveau sind. Die Wartungsfreundlichkeit und die Verfügbarkeit muss mit im Vordergrund stehen. Es nützt nichts, wenn ich heute sage, es müssen Einsparpotenziale geschöpft werden. Das hat uns noch nie geholfen. Wir müssen an einem Qualitätsstandard festhalten, der sich von anderen abhebt.

Danke für das Gespräch.

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