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Foto: 247 TailorSteel

Interviews

Wie sich der Markt der Blechteilefertiger verändert

Im Interview erläutert Paul Schipper, CEO des Blechteilefertigers 247TailorSteel, seine Sicht der Entwicklung im Markt der Blechteilefertiger.

Paul Schipper ist CEO des Online-Blechteileanbieters „247TailorSteel“. Das 2007 gegründete Unternehmen kann in Europa als Pionier in Sachen Online-Blechteilebeschaffung gelten. CAD-Zeichnungen im Internet hochladen und dann einerseits innerhalb kurzer Zeit ein Angebot erhalten und andererseits mit den Daten automatisch die Produktion steuern – das hat das niederländische Unternehmen sehr für umgesetzt. Dahinter steckt ein ausgeklügeltes Softwaresystem, das bei 247TailorSteel entwickelt und bis heute stetig weiter verbessert wird.
Gründer Carel von Sorgen wollte die Software eigentlich Blechbearbeitern für den Aufbau der Zukunftsfabrik anbieten, stieß aber auf geringes Interesse. So baute er sein eigenes Blechbearbeitungsunternehmen auf. Angefangen hat es mit reinem Laserschneiden von Blechen, heute werden auch Biegearbeiten und Rohrlaserschneiden angeboten. Dazu kommen Entgraten und ähnliche Bearbeitungsschritte. Wir fragen Paul Schipper, wie ‚247TailorSteel‘ in der Coronakrise durchkommt und welche Zukunftsperspektiven er sieht.

247TailorSteel gilt als Pionier im Bereich digitale Blechteilebeschaffung. Was bietet das Unternehmen heute und wie hat es sich weiterentwickelt?

Paul Schipper: Wir haben 2007 mit zwei Laserschneidmaschinen und einigen guten Ideen in Varssefeld angefangen und sind seit den Anfangstagen deutlich gewachsen. Um Ihnen ein paar Zahlen zu nennen: Wir haben heute einen Umsatz von 90 Millionen Euro, beschäftigen mehr als 500 Mitarbeiter und haben etwa 18.000 Kunden. Wir produzieren heute auf insgesamt 26.000 Quadratmetern Produktionsfläche an zwei Standorten. Unser größter Standort ist unser Stammsitz Varsseveld. Der zweite, kleinere Standort ist Oyten bei Bremen und der dritte Standort wird Hilden bei Düsseldorf sein. Den Standort Hilden werden wir am 1. September 2020 eröffnen. Trotz Corona sind die Baufortschritte gut und wir sind im Plan.

Ein weiterer Standort in Deutschland – und das nah am Hauptstandort Varsseveld?

Paul Schipper: Wir sehen, dass es in Deutschland einen großen Markt gibt für unser Unternehmen. Unsere Kunden in Deutschland finden wir auf der Achse Hamburg-Bremen und weiter ins Ruhrgebiet und dann in den Süden nach Stuttgart und nach München. In diesen Regionen sitzen die Industrien, die für uns wesentlich sind.
Derzeit bedienen wir den gesamten deutschen Markt aus Oyten und Varsseveld. Das große Gebiet Nordrhein-Westfalen beliefern wir alleine von Varsseveld aus. Wegen des Wachstums in der Region und um die Transportentfernungen zu verringern, haben wir uns für den Standort Hilden entschieden. Damit können wir unsere Kunden auch besser bedienen.
Den nächsten Standort habe ich schon Kopf: Im Dreieck Stuttgart, München und Würzburg sind wir bereits auf der Suche. Aber jetzt müssen wir Hilden erst einmal fertig kriegen. Wir wollen dort mit vier Lasermaschinen und vier Kantbänken beginnen. Wegen der Coronakrise könnte es allerdings ein wenig langsamer gehen.

Sie bieten heute mehr als Laserschneiden?

Paul Schipper: Wir bieten seit 2015 neben dem Laserschneiden von Blechen auch das Rohrlaserschneiden und das Biegen an. Wichtig ist, dass wir alles in „Sophia“ integriert haben. Das ist eigentlich das Besondere gegenüber anderen Portalen.
Sophia ist eine Abkürzung für Sophisticated Intelligent Analyser. Das ist ein intelligentes Programm, das nicht nur unsere Kunden bei Angeboten unterstützt und assistiert. Über Sophia können unsere Kunden 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche mit uns kommunizieren. Sophia ist das Portal, in das die Kunden ihre CAD-Zeichnungen hochladen und Angaben zum Material und zur Menge machen. Dann erhalten sie von Sophia innerhalb von einer Minute ein Angebot, und zwar vollautomatisch.
Eine Besonderheit und ziemlich neu ist, dass unsere Kunden CAD-Zeichnungen kompletter Baugruppen hochladen können. Sophia zieht diese Baugruppen automatisch auseinander und zerlegt sie in ihre unterschiedlichen Teile – also etwa Rohre oder Biegeteile.
Sophia ist keine Stand-alone-Lösung, sondern integriert in unser Software-Netzwerk. Sophia arbeitet also beispielsweise mit unseren Softwarelösungen für Finanzen oder für den Einkauf zusammen. Wird vom Kunden ein Angebot angenommen, geht das als Auftrag in das ERP-System – das ist bei uns Navision. Zudem gehen die Daten in unser MES (Manufacturing Execution System), das wir auch selbst entwickelt haben. Auch die CNC-Programme für die Bearbeitungsmaschinen werden automatisch erstellt. Dazu kommt ein automatisches ‚Scheduling“ für die Produktion bis hin zur Anfrage von Material bei externen Lieferanten. Das alles ist bei uns automatisch verknüpft und geht natürlich nur, wenn man entsprechend digitalisiert ist.

Wie sieht es dann in der Fertigung aus?

Paul Schipper: Unser MES erledigt die Produktionsplanung, wobei Kundenwünsche hinsichtlich des Liefertermins einbezogen werden. Die Kunden haben bei uns verschiedene Planungsmöglichkeiten für den Liefertermin: innerhalb von zwei Tagen, innerhalb einer Woche, zwei Wochen, drei oder vier Wochen. Das gibt der Kunde in Sophia ein. Mit diesen Lieferterminen werden die Aufträge mit gleichem Material geschachtelt und dann entsprechend abgearbeitet. Das erledigt ein Nesting-Programm innerhalb von Sophia, das so gut wie möglich unterschiedliche Aufträge zusammenführt, abhängig vom Material und Liefertermin natürlich. Damit haben wir auch weniger Materialverschnitt. Das sind Sachen, die hat unser Wettbewerb noch nicht, soweit wir informiert sind. Da sind wir Vorreiter.

Und wie schaffen Sie es, kurzfristige Termine zu erfüllen?

Paul Schipper: Wir arbeiten bewusst mit Überkapazitäten. Ohne Überkapazität kann man keine kurzen Lieferzeiten einhalten. Wenn ein Kunde mit einem Liefertermin in zwei Tagen bestellt, dann geht das nur, wenn man eine bestimmte Kapazität übrig hat. Unser Vorteil ist, dass wir mehrere Maschinen haben. Insgesamt sind 38 Laserschneidmaschinen, davon 33 Flachbett-Laserschneidmaschinen und fünf Rohrlaserschneidanlagen in zwei Werken im Einsatz. Wenn ein kleiner Laserschneidbetrieb mit nur einer Lasermaschine Überkapazitäten aufbauen will, muss er in eine zweite Maschine investieren. Und das sind dann gleich 100 Prozent mehr an Kapazität, die ausgelastet werden müssen.
Und damit das mit dem Transport klappt, haben wir in den Niederlanden auch eigene Lkw, mit denen wir schnell liefern können. Über diese Transportkapazitäten hinaus arbeiten wir mit Speditionen zusammen.

Bestellung und Planung sind automatisiert. Wie sieht es mit der Automatiserung in Ihrer Fertigung aus?

Paul Schipper: Man muss unterschieden zwischen digitalisiert und automatisiert. Wir sind weitgehend digitalisiert. Es ist nicht so, dass wir eine mannlose Produktion haben. Wir haben sehr viele neue Kunden und unser Durchschnittsauftrag ist relativ klein. Oftmals sind es Aufträge mit einem Volumen von rund 500 €. Automatisierung bei diesen kleinen Aufträge rechnet sich nicht. Deshalb brauchen wir beispielsweise beim Biegen Mitarbeiter, die die Teile positionieren und halten.
Aber das Schöne ist, dass diese Maschinen so gut digitalisiert und visualisiert sind, dass die Mitarbeiter ihre Bedienung einfach lernen können. Auch beim Laserschneiden braucht man noch Mitarbeiter, um die Teile herauszuholen und zu verpacken.
Wir haben in der Fertigung in Varssefeld neun und in Oyten drei fahrerlose Transportsysteme für die Blechzu- und -abfuhr, aber meistens werden die Teile mit dem Gabelstapler transportiert. Und die Aufträge laufen in der Regel vom Laserschneiden direkt zum Biegen durch. Da gibt es nur ein kleines Zwischenlager. Eigentlich läuft bei uns vieles Just-in-Time. Rund 30 Prozent unsere Aufträge werden innerhalb von zwei Tagen geliefert, ein weiterer großer Teil innerhalb einer Woche, da lohnt sich ein großes Lager nicht.

Ich hätte erwartet, dass bei Ihnen auch die Fertigung weitgehend automatisiert ist?

Paul Schipper: Wir prüfen ständig, wo wir auch in der Fertigung automatisieren können. Es gibt zwar Roboter, beispielsweise für Kantbänke, die aber eher für große Serien gedacht sind. Bei uns sind die Serien relativ klein und es wird auch Losgröße eins bestellt. Da sind die Zeiten für die Programmierung zu lang. Selbst bei Systemen wie Cobots, die durch Zeigen und Führen programmiert werden, kostet die Programmierung schnell 10 bis 15 Minuten Zeit. Wenn man kleine Serien hat, dann lohnt sich das nicht, also bis jetzt noch nicht.

Wie werden denn bei Ihrer digitalisierten Auftragsbearbeitung zum Beispiel fehlerhafte Zeichnungen behandelt?

Paul Schipper: Bevor die CAD-Zeichnungen für die Fertigung aufbereitet werden, haben wir prinzipiell eine Machbarkeitsanalyse. Es kommt doch vor, dass ein Kunde eine Zeichnung hochlädt, die sich nicht realisieren lässt. Jedenfalls nicht mit unseren Maschinen. Oft sind das Fehler in der Zeichnung oder auch technische Probleme, die auftreten können, wenn etwa in der Zeichnung ein Loch auf einer Biegelinie platziert ist. Diese Zeichnungen sortiert Sophia aus und ein Mitarbeiter setzt sich mit dem Kunden in Verbindung und klärt die Sachfragen.
Wir arbeiten aber daran, die Machbarkeit alleine mit künstlicher Intelligenz zu prüfen. Sophia wird dann nicht nur sagen können, was geht und was nicht geht, sondern das System wird auch eigenständig Lösungsvorschläge machen. Es sind zwar nicht viele Aufträge, bei denen diese Fehler vorkommen, aber wir wollen es trotzdem mit der künstlichen Intelligenz automatisieren. Ich erwarte, dass dieses System Mitte des Jahres fertig sein wird. Wir stehen in der Entwicklung bei Sophia nicht still.

Wie sieht die Preisgestaltung bei 247TailorSteel aus?

Paul Schipper: Der Preis hängt ab von ein paar Faktoren. Von der Lieferzeit natürlich – je schneller geliefert wird, desto teurer wird es. Dann spielt der Materialabfall, also das Nesting, eine Rolle. Und natürlich ist der Preis des Materials zum Zeitpunkt des Angebots ein wichtiger Faktor. Sophia berücksichtgt dabei eine Vielzahl von Variablen in der Preisgestaltung. Für den Kunden ist die Preisgestaltung jedenfalls transparent – das ist vielleicht ein Nachteil für uns, aber wir sind daran gewöhnt.

Die Frage der Datensicherheit wird immer wichtiger. Wie halten Sie es damit?

Paul Schipper: Wir sind ISO 27.001 zertifiziert, darin geht es um Datenschutz. Dann haben wir seit Anfang letzten Jahres einen Cyber Security Engineer, der alles macht, damit die Chance, dass jemand mal einbrechen könnte, klein bleibt. Bis jetzt hatten wir auch noch keinen Fall.

Wie wird sich nach Ihrer Einschätzung die Blechbearbeitung entwickeln? Werden Online-Portale den Markt bestimmen?

Paul Schipper: Wir sind eigentlich ganz zufrieden. Sophia macht derzeit etwa 2.000 Angebote am Tag. Dabei muss man sehen, dass viele Kunden sich beispielsweise Angebote erstellen lassen für 10 oder 100 Stück und für Liefertermine in zwei Tagen und in einer Woche. Und dann wählt der Kunde aus.
Natürlich werden wir mit unserem Geschäftsmodell auch nachgeahmt. Das ist auch nicht schlimm, das unterstützt nur die allgemeine Digitalisierung in der Gesellschaft. Und wir sehen jetzt gerade in der Corona-Krise, wie vorteilhaft es ist, wenn man digitalisiert ist. Unsere Leute machen Home Office und unsere Kunden machen auch Home Office und sie können trotzdem mit uns arbeiten und müssen nicht mit den Zeichnungen unter dem Arm zu uns fahren.
Es gibt insgesamt ein gewisses Wachstum in der digitalen Blechteilebeschaffung. Wir sehen im Markt einerseits Wettbewerber, die weitgehend automatisiert fertigen. Dann gibt es ‚Nur-Webshops‘, sag ich mal, also Plattformen, die Angebot und Nachfrage vermitteln aber keine eigene Produktion haben und wie Airbnb nur verteilen. Und dazwischen gibt es viele kleine ‚Laserbuden‘ mit ein oder zwei Lasermaschinen.
Ich denke, gerade jetzt in der Corona-Krise ist Digitalisierung das bestimmende Thema. Unternehmen wie 24/7 werden besser aus dieser Krise herauskommen. Und es wird bei diesen Vermittlungsplattformen auch etwas Extrawachstum geben. Persönlich denke ich, dass es für Laserbuden mit nur einer oder zwei älteren Lasermaschinen schwierig werden könnte. Die ganze Blechbearbeitungslandschaft wird sich jetzt rasch ändern, auch unter dem Einfluss der Corona-Krise. Die, die digitalisiert sind, werden bestehen. Und die es nicht sind, werden es schwierig haben.

Herr Schipper, wir danken Ihnen für das Gespräch.

(Volker Albrecht)

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