Auf ihrer Frühjahrstagung haben die Produktionstechnik-Professoren der WGP beschlossen, in Sachen klimaneutraler und resourcenschonender Produktion aktiver zu werden.
Foto: Nico Niemeyer /WGP

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WGP nimmt Klimaziele für die Produktion ins Visier

Die Wissenschaftliche Produktionsgesellschaft startet Initiative für eine ökologische und sozialverträgliche Produktion. Es geht auch um die Signalwirkung.

Nachdem das Thema drängender wird und in der Öffentlichkeit breiten Raum einnimmt, haben die produktionstechnischen Professoren der WGP auf ihrer Frühjahrstagung beschlossen, die Entwicklung klimaneutraler, in die Region und ein kreislaufwirtschaftliches System eingebundener Fabriken voranzutreiben. „Es gibt schon viele, sehr gute Ansätze, unsere Industrie umweltverträglicher zu machen. Bislang ist es jedoch nicht gelungen, all diese erfolgversprechenden Initiativen zu bündeln und einen grundsätzlichen Wandel hin zu einem ressourcenschonenden und sozial verträglichen System umzusetzen“, beschreibt Prof. Berend Denkena, Präsident der WGP und Leiter des Instituts für Werkzeugmaschinen (IFW) der Leibniz Universität Hannover auf der WGP-Frühjahrstagung das Problem. „Uns ist klar, dass unsere Initiative nur dann erfolgreich sein wird, wenn ein Paradigmenwechsel gelingt, weg von der rein gewinnorientierten Produktionswirtschaft hin zu einem gesellschaftlich und ökologisch verträglichen Produktionssystem.“

Seriöses Fundament schaffen

Das geht nicht, ohne die ein oder andere unangenehme Wahrheit auszusprechen und Konsequenzen daraus zu ziehen, die unser aller Leben betreffen. „Wir dürfen diese Konflikte aber nicht scheuen und müssen die Dinge endlich in die Hand nehmen“, betont Denkena. „Das fordert unsere nachkommende Generation aktuell deutlicher denn je.“ Beispiele für nachhaltige Produktion gibt es bereits viele und immer mehr Unternehmen sind bereit, sich für den Umweltschutz zu engagieren. „Die Unternehmen Bosch und Siemens, die bis 2020 beziehungsweise 2030 komplett klimaneutral produzieren wollen, sind nur die Spitze eines Eisbergs“, meint Denkena.

Die WGP hat auf ihrer Tagung vom 8. bis 10. Mai 2019 in Hannover beschlossen, einen Beitrag dazu zu leisten, die zahllosen Einzelinitiativen auf Stadt-, Region- und Systemebene zu skalieren, um produzierende Unternehmen in das gesellschaftliche Gesamtkonstrukt einzubinden. „Wir haben es dabei mit einer extrem komplexen Themenlandschaft zu tun“, erläutert Prof. Wolfram Volk, Leiter des WGP-Wissenschaftsausschusses und des Lehrstuhls für Umformtechnik und Gießereiwesen (utg) der TU München. „Stichwörter sind CO2-Besteuerung beziehungsweise -Incentives wie sie beispielsweise die Deutsche Bahn ihren Lokführern für Ressourcen schonende Fahrweisen gewährt. Aber auch urbane Produktion, Regionalität, Produktlebenszeit, Kreislaufwirtschaft oder auch wasserstofforientierte Produktion – um nur einige zu nennen – gehören in den Betrachtungshorizont.“

Zu all diesen Schlagwörtern gäbe es bereits umfangreiches theoretisches und praktisches Wissen aus verschiedenen Quellen. „Eine der wichtigsten hierbei ist das IPCC, das Intergovernmental Panel on Climate Change“, präzisiert Volk. „Bevor wir als WGP mit konkreten Maßnahmen starten, müssen wir uns ein umfassendes Bild vom derzeitigen Wissensstand machen. Nur dann können wir seriös handeln, Fehlinterpretationen vermeiden und Stellhebel definieren, an denen wir unser produktionstechnisches Umsetzungs-Know-how einbringen können.“

In Hannover wurde aus diesem Grund beschlossen, dass der WGP-Wissenschaftsausschuss zeitnah ein Konzept zur strukturierten Datenrecherche und -sammlung erarbeitet. „Das Themenfeld hat im Wissenschaftsausschuss eine sehr hohe Priorität. Bei unserer nächsten Sitzung im August werden wir das Konzept beschließen und allen WGP-Kollegen und natürlich der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen“, so Volk. „Auf der WGP-Herbsttagung im kommenden November können wir dann operativ tätig werden.“

Erste konkrete Maßnahme mittels neuer Medien

Als eine wichtige Zielgruppe definierten die Hochschullehrer ganz bewusst auch Studierende – also diejenige gesellschaftliche Gruppe, auf die sie einen direkten Einfluss haben. So sollen den Multiplikatoren von morgen studentische Abschlussarbeiten zum Thema angeboten werden, um eventuell auf diese Weise auch einschlägige Start-up-Initiativen voranzutreiben. Zudem ist ein neues Lehrformat außerhalb des Unterrichtsplans geplant. Dieses Format könnte – motiviert durch die „Fridays for Future“-Bewegung – ein wöchentliches Informationsforum zur „Future Production“ sein, in dem regelmäßig interessante Beiträge online gestellt werden. Themen können CO2-neutrale und systemintegrierte Produktion sowie Ressourcen schonende Fertigungsverfahren umfassen.

Breiter Schulterschluss notwendig für Neudefinition der Produktion

Die produktionstechnischen Forscher wissen, worauf sie sich einlassen. Radikales Umdenken und die Etablierung neuer Lebenswerte heißt auch, dass „viele noch ungelöste Fragen auftauchen werden. Wichtige Probleme werden aktuell nur verschoben, etwa in andere Regionen oder in Folgeproblemstellungen, und wir werden uns beim Nennen der objektiven Fakten sicherlich nicht nur Freunde machen. Nicht zuletzt aus diesem Grund benötigen wir einen möglichst breiten gesellschaftlichen Schulterschluss, wenn wir Produktion neu definieren und auch die Politik überzeugen wollen“, macht Denkena deutlich. Ziel sei daher, nicht nur auf bestehende Initiativen, Strukturen und Fördermöglichkeiten zurückzugreifen, sondern darüber hinaus nach und nach immer mehr Mitstreiter ins Boot zu holen. „Uns geht es auch um eine Signalwirkung und ein klares Commitment, sondern auch gegenüber unseren Kindern, dass wir bereit sind, die Verantwortung, die wir ihnen gegenüber haben, in den Bereichen, in denen wir das Know-how dazu haben, auch zu übernehmen.“

Wissenschaftlichen Gesellschaft für Produktionstechnik

Die Wissenschaftliche Gesellschaft für Produktionstechnik e.V. ist ein Zusammenschluss führender deutscher Professorinnen und Professoren der Produktionswissenschaft. Sie vertritt die Belange von Forschung und Lehre gegenüber Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Die WGP vereinigt 66 Professorinnen und Professoren aus 40 Universitäts- und Fraunhofer-Instituten und steht für rund 2.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Produktionstechnik. Die Labore der Mitglieder sind auf einem hohen technischen Stand und erlauben den WGP-Professoren, in ihren jeweiligen Themenfeldern sowohl Spitzenforschung als auch praxisorientierte Lehre zu betreiben. Die WGP hat sich zum Ziel gesetzt, die Bedeutung der Produktion und der Produktionswissenschaft für die Gesellschaft und für den Standort Deutschland aufzuzeigen. Sie bezieht Stellung zu gesellschaftlich relevanten Themen von Industrie 4.0 über Energieeffizienz bis hin zu 3D-Druck.

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